«Für Spitzenleistungen sind Werte und Kultur wichtiger als Struktur»

    von André Fischer am 07.11.19, 11:19
    In der Interview-Serie «atedo insight talk» sprechen wir mit Menschen aus unserem Netzwerk, die zu einem spannenden und relevanten Thema etwas zu sagen haben. Unser heutiger Gesprächspartner ist Adrian Gassman, Head of Marketing & Business Development vom Hockeyclub Ambri-Piotta.
     
     
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    atedo ist Mitglied vom Donatoren-Club HC Ambri-Piotta. André Fischer, Managing Partner und Co-Founder von atedo, zählt seit Kindesbeinen zu den Supportern des Eishockey-Clubs aus dem Nordtessin. Auf ehrenamtlicher Basis unterstützt er mit seinem Know-how den Club punktuell bei der Markenpositionierung. Adrian Gassmann, Head of Marketing & Business Development, erklärt im Interview mit André, wie es dem kleinen Bergverein als KMU dank einer starken Unternehmenskultur gelingt, in einem kompetitiven internationalen Markt, Spitzenleistungen zu erbringen. Welche Erfolgsprinzipien können B2B-Unternehmen mit begrenzten personellen und finanziellen Mitteln vom HCAP adaptieren? Die Antworten finden Sie in diesem Blog.
     

    Der HC Ambri-Piotta – das sollten Sie über den 1937 gegründete Kultclub wissen

    Ambri und Piotta sind zwei Bergdörfer und zählen gemeinsam weniger als 1000 Einwohner. Auf 1'011 Metern über dem Meer in der Leventina gelegen, befinden sie sich gleich am südlichen Ende des Gotthard-Tunnels. Die Leventina ist eine der wirtschaftsschwächsten Regionen der Schweiz. Umso erstaunlicher, dass mit dem HCAP hier ein Eishockey-Spitzenclub seit 1985 ununterbrochen in der höchsten Schweizer Liga «National League» besteht. Nur ein einziger Club spielt länger in der National League A. Von der Autobahn aus erkennt man das legendäre Stadion «La Valascia». Wöchentlich pilgern aus der ganzen Schweiz Fans hierher – in der Hoffnung, dass die Siegeshymne «La Montanara» – das Lied der Berge – von bis zu 7000 leidenschaftlichen Fans angestimmt wird. Der HCAP ist weltweit einzigartig in der Eishockey-Szene. Zudem ist der HCAP mit 200 Mitarbeitenden der grösste Arbeitgeber des Nordtessins und hat somit in der Leventina auch einen substantiellen sozialen Auftrag.

     

    atedo: In der Saison 2018/19 resultierte für den HC Ambri-Piotta der 5. Platz, der gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Champions Hockey League war. Zusätzlich wurde die erfolgreiche Saison mit der Einladung für den Spengler Cup 2020 in Davos honoriert. Nach Jahren des Abstiegskampfes ein erstaunlicher Exploit. In den Medien lässt der HCAP verlauten, dass dieser auf die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte und die Ambri-Kultur zurückzuführen sei. Wie haben die Unternehmensführung und die Mitarbeitenden diese Veränderung konkret geschafft?

    Adrian Gassmann: Im Frühling 2017 konnten wir erst bei der letzten Gelegenheit in der sogenannten Ligaqualifikation gegen den SC Langenthal den Ligaerhalt sichern. Aus sportlicher Sicht war es Zeit für die Wende. Hinzu kam die jahrelange finanziell angespannte Situation. Dies waren und sind noch heute die zentralen Treiber des Wandels. Uns allen war bewusst, dass der eingeschlagene Weg auf Dauer eine Existenz im Spitzeneishockey verunmöglicht. Aber ein Abstieg in die zweithöchste Liga kam für uns nicht in Frage. Wir wollten in der Leventina auch weiterhin Eishockey auf nationalem Topniveau anbieten. Aber nicht um jeden Preis! Dazu waren wir gezwungen, mit vorhandenen Mitteln das Optimum herauszuholen. Denn wir verfügten damals wie heute nicht über einen grossen Transfer-Topf, was die Lohnsummen angeht. Und somit gab es für uns letztlich nur einen einzigen konsequenten Weg vorwärts in die Zukunft: Wir setzten uns zum Ziel, auf Spitzenniveau der beste Ausbildungsklub der Schweiz zu sein. Dazu setzten wir konsequent auf eigene Junioren sowie junge, talentierte und hungrige Spieler aus anderen Clubs, die dort keine Chance erhielten, um Verantwortung zu übernehmen und sich zu beweisen. Ihnen wollten wir ein Sprungbrett ins professionelle Eishockey bieten. Und das ist auch heute noch so.

     

    Die Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte und die HCAP-Kultur ist also aus der Not heraus und aufgrund eines grossen Handlungsdrucks entstanden?

    Absolut. Vom Verwaltungsrat über die Unternehmensführung bis hin zu den Mitarbeitenden – alle haben wir die Realität erkannt und akzeptiert. Visionen und Ziele sind gut. Aber man sollte immer auch anerkennen, wo man steht und was die eigenen Möglichkeiten sind. Wir haben uns gefragt: Woher kommen wir? Wo stehen wir heute und für was stehen wir in der Zukunft? Mit dem Blick zurück und vorwärts haben wir wieder zu unseren Wurzeln gefunden. Und bei uns ist aus der Not letztlich eine aktuell erfolgreiche Strategie entstanden, von der wir überzeugt sind, dass sie der richtige Weg in die Zukunft darstellt. Auch wenn wieder schwierigere Zeiten anstehen als in der aktuellen Saison. Wir bleiben uns und dem eingeschlagenen Pfad treu.

     

    Welches waren aus deiner Sicht die entscheidenden Erfolgsfaktoren für die Werte-Entwicklung und deren Verankerung?

    Wie bereits erwähnt, haben sich vom Verwaltungsrat und der Unternehmensführung alle verbindlich zum Weg bekannt und den Wandel vorgelebt. Ohne dieses Bekenntnis kann ein solcher Prozess unmöglich erfolgreich vollzogen werden. Anschliessend wurde ein Masterplan mit einer Sicht auf drei Jahre entwickelt, der aufzeigte, dass das Ziel erreichbar ist. Es ist für die Mitarbeitenden entscheidend zu wissen, dass das Ziel realistisch ist, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Das erste Jahr stand im Zeichen des Neustarts und der Konsolidierung. Die Jahre zwei und drei im Zeichen der Stabilisierung. Nun befinden wir uns bereits im dritten Jahr und können sagen, dass der Kurs stimmt. Gleichzeitig haben alle eine realistische Erwartungshaltung. Trotz Champions Hockey League wissen wir, dass unsere Realität in erster Linie wieder der Ligaerhalt darstellt. Und sowohl die Unternehmensführung als auch die Mitarbeitenden sind sich bewusst, dass das sportliche Konzept in der Juniorenarbeit noch weitere zwei bis drei Jahre beansprucht, bis die Erfolge sichtbar werden. Und das bedeutet, dass eigene Talente in der ersten Mannschaft integriert und auf Spitzenniveau bestehen können. Dazu müssen wir auf jeder Altersstufe die jungen Talente hin zum nächsten Schritt begleiten und immer wieder dafür sorgen, dass genügend Nachwuchsspieler zur Verfügung stehen. In einer abgelegenen Bergregion wie der Leventina ist das eine zusätzliche Herausforderung.

    Den HC Ambri-Piotta als Sponsor finanziell unterstützen

    Steht auch Ihr Unternehmen für grosse Leidenschaft und bedingungslosen Einsatz für Spitzenleistungen? Die Marke HC Ambri-Piotta verkörpert diese Werte mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Wenn Ihre Marke zu diesen Werten passt und Sie sich strategisch positionieren wollen, steht Ihnen Adrian Gassmann gerne für ein unverbindliches Beratungsgespräch zur Verfügung.

    Adrian Gassmann, Head of Marketing & Business Development
    Tel: +41 (0)91 873 61 61
    E-Mail: adrian.gassmann@hcap.ch

     

    Gibt es weitere Gründe für den erfolgreichen Wandel?

    Wir konnten die richtigen Menschen für die richtigen Positionen gewinnen, die den neuen Weg verkörpern. Sowohl im sportlichen als auch im organisatorischen Bereich. Und das führte letztlich dazu, dass junge talentierte Spieler erkannten, welche Chancen sich ihnen in Ambri bieten. Auf dem Spielermarkt gewannen wir für junge Spieler schnell an Attraktivität. Wir haben den Anspruch, dass in der Spielart der Hockeyspieler unsere Handschrift erkennbar ist und bleibt. Die Leute sollen sagen: «Hey, der kämpft so leidenschaftlich und bedingungslos für das Team, hat eine hohe Laufbereitschaft und bringt Energie in das Spiel – der muss ein Ambri-Spieler sein oder dort gespielt haben.»

    Ein weiterer Grund war, dass wir frühzeitig grossen Wert auf die Konsistenz der Botschaften in der externen Kommunikation mit den Medien, Fans und Sponsoren sowie in der internen Kommunikation legten. Es war entscheidend, dass wir mit einer einheitlichen Stimme agierten und unsere Botschaften verständlich formulierten.

    Und zu guter Letzt haben unsere beschränkten finanziellen Möglichkeiten den Vorteil, dass wir stets effektiv und effizient arbeiten müssen. Mit kurzen Informationswegen. Das macht uns schnell und fokussiert.

     

    Wir haben über die Rückbesinnung auf die Werte gesprochen. Wie lauten die Werte und wie äussern sich diese in der Unternehmenskultur?

    Wir haben drei zentrale Werte definiert. «Unita» verkörpert die blau-weisse Familie und deren Zusammengehörigkeitsgefühl. Den Ambri-Spirit. «Resistenza» steht dafür, dass wir nie aufgeben. Dass wir immer kämpfen bis zum Schluss und bereit sind zu leiden. Denn wir wissen, dass wir jede Saison wieder aufs Neue in erster Linie den Ligaerhalt sichern müssen. Das ist für unseren kleinen Club schon eine Meisterleistung. «Legame locale» basiert auf unserer Herkunft. Der Leventina. Eine Bergregion von rauher Schönheit. Einfach und bodenständig. In der täglichen Arbeit auf und neben dem Eis arbeiten wir mit den Führungsgrundsätzen «Dedication», «Passion» und «Pride». So denken und handeln wir gegenüber Mitarbeitenden, Fans, Sponsoren und weiteren Partnern. Wir sind bereit, die Extrameile zu gehen. Bis zum Schluss.

     

    Wie lauten die Herausforderungen in den nächsten Jahren? Welche Rolle zu deren Meisterung spielen die Werte und die Unternehmenskultur?

    Sportlich gesehen: junge Talente zu finden, welche bereit sind, den harten Weg auf sich zu nehmen. Ohne Opferbereitschaft für sich und das Team geht es nicht. Jeden Tag bereit sein, persönlich zu wachsen und Bestleistungen zu erbringen – mit harter Arbeit. Denn nur, wenn alle auf und neben dem Eis bereit sind, Bestleistungen zu erbringen, haben wir eine Chance. Dazu müssen wir immer wieder den Mut aufbringen, über uns herauszuwachsen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass neben dem Sport die berufliche Ausbildung nicht zu kurz kommen darf. Diese Doppelbelastung ist für den Athleten nicht zu unterschätzen.

    Aus Sicht der Unternehmensführung gesehen: Als grösster Arbeitgeber des Nordtessins haben wir für die Randregion Leventina eine grosse wirtschaftliche Bedeutung und einen sozialen Auftrag. Die Geschäftsstelle ist zwar mit 10 Mitarbeitenden klein. Aber wenn wir von der Gastronomie über die Sicherheit bis hin zu den Teilzeitpensen alle zusammenzählen, beschäftigen wir während der Saison bis zu 200 Mitarbeitende. Das sind 200 Markenbotschafter und Gesichter zu unseren Kunden und Partnern. Dass sie alle die Unternehmenswerte von Ambri verstehen und leben, bildet in den nächsten Jahren einen entscheidenden Schritt. Das wird uns in der Führung fordern. Und dann ist da noch der Umzug ins neue Stadion, in die «Nuova Valascia». Das aktuelle Stadion, die Valascia, ist eine Kultstätte des Eishockeys mit internationaler Ausstrahlung. Ein wichtiger Eckpfeiler im Markenmythos Ambri.

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    Kann die Marke Ambri überhaupt ohne die Valascia überleben?

    Die Valascia ist einzigartig und wir müssen uns bewusst sein, dass wir diese nicht ersetzen können. Stattdessen müssen wir uns darauf konzentrieren, welche neuen Möglichkeiten das neue Stadion bietet. Welche Elemente der Marke Ambri konnten wir bis jetzt zu wenig beleuchten und ausreizen? Wo ergeben sich Chancen? Welche Teile vom Markenmythos Ambri können wir in die neue Halle mitnehmen. Welche nicht? Letztlich ist allen bewusst, dass wir für eine langfristige Existenz zu diesem Schritt gezwungen sind. Ansonsten verlieren wir die Spiel-Lizenz für die National League. Und auch wirtschaftlich eröffnen sich uns neue Möglichkeiten. Aber wir müssen das Marken-Image und unser Angebot mit Sorgfalt und authentisch weiterentwickeln. Den Spagat zwischen Kommerzialisierung schaffen und uns dabei treu bleiben. Nur so können wir überleben. Wir schauen schon, was andere Clubs machen und kennen unsere Mitbewerber gut. Aber letztlich schauen wir wieder, was für uns passt, und besinnen uns auf unsere Werte. Die Marke Ambri lebt von der Authentizität. Und unsere Unternehmenswerte sind zeitlos. Letztlich war unser Club schon mehrmals in seiner Geschichte mit Veränderungen konfrontiert. Es waren immer die Menschen, Ihre Werthaltung sowie die Ambri-Kultur, die dazu führten, dass wir existieren. Das zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Vergangenheit. Der Blick auf unsere Geschichte macht uns Mut.

     

    Adrian, du bringst viel Marketing-Erfahrung auch ausserhalb von Sportunternehmen mit. Wenn du die Führung des HCAP mit der Unternehmensführung in anderen Branchen vergleichst – worin siehst du den grössten Unterschied?

    Eishockey ist die schnellste Mannschaftssportart der Welt. In einer Woche gehen drei Spiele über die Bühne. Verlierst du drei Spiele, hat die Öffentlichkeit bereits den Eindruck, man stecke in der Krise. Gewinnt man dreimal, herrscht ein Höhenflug und man wird von den Medien hochgejubelt. Plötzlich hast du auf einen Schlag noch mehr oder eben weniger Zuschauer im Stadion. Die Krise und Chancen sind schnell da und zwingen uns zu reagieren. Dazu kommt, dass ein verletzungsbedingter Ausfall von einem Schlüsselspieler einen kleinen Club wie den HCAP noch viel mehr dazu zwingt, Veränderungen vorzunehmen. Ein Plan und Ziele von heute sind meist morgen nicht mehr aktuell – wegen neuen Rahmenbedingungen. Alles geht noch viel schneller und wir müssen uns permanent an neue Situationen anpassen. Von Spieltag zu Spieltag. Entscheidend ist es daher, ein Wertesystem und eine Unternehmenskultur zu haben, auf die sich die Führung verlassen kann. Eine Wertebasis, die Stabilität verleiht und auch weiterexistiert, wenn Mitarbeitende oder Spieler das Unternehmen verlassen.

     

    Was können aus deiner Sicht Unternehmen aus anderen Branchen vom HCAP lernen, welche Erfolgsprinzipien können sie adaptieren?

    Ich beobachte, dass auch Unternehmen sich verstärkt an sich immer schneller ändernde Rahmenbedingungen anpassen müssen. Was für uns Alltag ist, wird immer mehr auch zum entscheidenden Existenzfaktor für Unternehmen. Ich kann daher nicht genug betonen, wie wichtig ein stabiles Wertesystem und eine stabile Kultur sind. Neu ist die Erkenntnis ja nicht. Aber ich glaube, sie wird einfach noch wichtiger denn je. Des Weiteren fallen mir die folgenden vier weiteren Punkte ein:

    1. Unternehmen müssen lernen, dass in weniger Strukturen auch Chancen stecken können. Weniger Strukturen bedeutet, dass man auch gut Guerilla-Taktiken anwenden kann. Wie bereits erwähnt: Viel wichtiger als Struktur sind Werte und Kultur. Wir können uns als Team in der Zusammenarbeit aufeinander verlassen. Das zählt.
    2. Weniger ist mehr. Knappheit von Ressourcen wie Geld und Personal zwingt zur Fokussierung. Not macht erfinderisch. Das erleben wir tagtäglich und konzentrieren uns daher auf das Wesentliche. Es ist wie es ist und zu lamentieren bringt nichts. Besser akzeptieren und die Energie investieren, um das Beste daraus zu machen.
    3. Nie Angst haben vor neuen Herausforderungen. Das bringt gar nichts. Besser jetzt machen. Mit Mut und Leidenschaft. Und sich dabei täglich reflektieren und hinterfragen, um besser zu werden.
    4. Das konsequente Bekennen der Unternehmensführung zu den Werten und der Unternehmenskultur sowie zum eingeschlagenen Weg. Die Führung muss die Werte und den Weg vorleben.

     

    Lieber Adrian, herzlichen Dank für den spannenden Einblick in das Unternehmen HC Ambri-Piotta. Wir wünschen eine erfolgreiche Saison. Forza Ambri!

     

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    Themen: Unternehmenskultur