Folgt im Sommer wegen der Corona-Krise ein Gründer-Boom?

    von André Fischer am 07.05.20 09:45

    STARTUPS.CH ist Marktführer für Firmengründungen und gehört zu den Legal- und FinTech-Vorreitern der Schweiz. Im Interview mit atedo erklärt Mattia Piccoli, Head of Marketing & Partner Relations, was die aktuelle Situation für die Gründerszene bedeutet und wie es STARTUPS.CH schafft, mit Corporate Entrepreneurship den Start-up-Spirit in der Unternehmenskultur beizubehalten. Ein Blick hinter die Kulissen.

     Mattia Piccoli, STARTUPS.CH

    Mattia Piccoli, Head of Marketing & Partner Relations bei STARTUPS.CH

     

    Ihr spürt den Puls der Gründerszene täglich hautnah. Mattia, wie haben du und das STARTUPS.CH-Team die Auswirkungen der Corona-Krise unmittelbar nach dem Lockdown erlebt?

    In den letzten Jahren sind die Firmengründungen in der Schweiz jährlich gestiegen. Auch 2020 setzte sich dieser Trend in den Monaten Januar und Februar erwartungsgemäss fort. Mit dem Lockdown Mitte März traf die Krise wenig überraschend auch das Gründungsgeschäft direkt und in voller Härte. Gesamtschweizerisch sind die Neugründungen um 25 Prozent zurückgegangen. Bei STARTUPS.CH verzeichneten wir in der Lockdown-Woche einen Rückgang der Gründungen und auch die Zugriffszahlen auf unsere Website sanken rapide. Der Schock und die damit verbundene Verunsicherung waren gross.

     

    Wie hat sich für euch die Situation seit der Vergabe der Notkredite durch den Bund entwickelt?

    Nach der Bekanntgabe des Bundesrates am 25. März hat es uns überrascht, wie schnell sich diese Massnahme positiv auf unsere Gründungszahlen auswirkte. Der April war für uns wieder ein sehr starker Monat. Wir konnten den Vorjahreswert vom April 2019 sogar leicht übertreffen. Das hat uns überrascht.

     

    Erstaunlich. Worin könnten die Gründe dafür liegen?

    Hier sehen wir zwei Ursachen. Erstens sind Gründer tendenziell positiv geprägt. Sie denken stärker in Chancen anstatt Risiken. Die Krise schaffte neue Möglichkeiten und bestärkt daher oft diejenigen zusätzlich, welche sich den Schritt schon lange überlegt haben und sich sagen: «Jetzt erst recht». So haben wir beispielsweise in den Bereichen Reinigung und Hygiene einen starken Anstieg von Gründungen festgestellt.

     

    Über STARTUPS.CH

    STARTUPS.CH ist der Marktführer in der Schweiz für Firmengründungen. Das Legal- und FinTech-Unternehmen hat über 25'000 Gründungen durchgeführt und sich im Markt mit seiner Start-up-Expertise etabliert.  Mit eigenen Juristen, Treuhandexperten und Unternehmensberatern, verteilt über 26 Filialen in der gesamten Schweiz, bietet STARTUPS.CH eine ganzheitliche Gründungsberatung und unterstützt Gründer vor, während und nach der Firmengründung kompetent, unkompliziert und kostengünstig. Neben der Beratungstätigkeit werden Treuhanddienstleistungen, Steuerberatung, Markenschutz, ein Rechtsdienst und praxisnahe Unternehmerschulungen angeboten.

    STARTUPS.CH ist eine 100% Tochtergesellschaft der Nexus-Gruppe. Die Nexus AG ist eine an der OTC-X gehandelte Beteiligungsgesellschaft, welche im In- und Ausland sowohl eigene internetbasierte Unternehmen führt als auch Beteiligungen von Unternehmen der Internetbranche erwirbt und aktiv verwaltet.

    www.startups.ch

     

    Und wo verortest du die zweite Ursache?

    In den letzten Jahren zeichnete sich klar der Trend zum sogenannten «Side-Entrepreneurship» ab. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich in einem Angestelltenverhältnis befinden und parallel dazu ihr eigenes Unternehmen aufbauen. Dies geschieht zum einen aus der Motivation der Selbstverwirklichung und zum anderen auch aus der Not heraus. Sie befürchten den Verlust der eigenen Arbeitsstelle und wollen mit der Selbständigkeit parallel ein zweites Standbein aufbauen. Beim Schritt in die Selbständigkeit können durchaus auch Existenz-Ängste ein Treiber sein. Wir gehen aktuell davon aus, dass sich trotz oder auch wegen Covid-19 der Trend zu «Side-Entrepreneurship» fortsetzen oder sogar verstärken wird.

     

    Wo siehst du in der Coronakrise die grössten Herausforderungen für Gründer?

    Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Je nach Branche und Gründungsstadium sind die Herausforderungen unterschiedlich. Generell fällt uns auf, dass angedachte Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsmechanismen oft bereits in der Gründungsphase angepasst oder komplett geändert werden müssen. Von Investoren finanzierte Start-ups müssen Businesspläne wieder anpassen und absegnen lassen, bevor es richtig losgehen kann. Frisch am Start und sich bereits wieder neu erfinden – das erfordert viel Mut und Flexibilität. Was wir mit Sicherheit sagen können: Branchen mit einem tiefen digitalen Reifegrad sind noch stärker negativ von der Krise betroffen.

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    Was fordert euch von STARTUPS.CH aktuell?

    Unsere Kunden müssen flexibel handeln können und brauchen Support in der Not. Wir haben uns in der Führung umgehend nach Ausbruch der Krise als oberstes Ziel gesetzt, dass wir noch stärker die Extrameile für unsere Kunden gehen und wo immer möglich mit unseren Informationen für Klarheit sorgen wollen. Und Sie müssen spüren, dass wir mit Rat und Tat für Sie da sind. Wir haben beispielsweise die Zeit genutzt, um zusätzlich zu unserem bestehenden Angebot weitere konkrete Hilfestellungen mit Informationen auf unseren digitalen Kanälen zur Verfügung zu stellen. Das wurde sehr geschätzt und bestärkt uns, weiterhin in starke und nutzenstiftende Inhalte zu investieren.

     

    Welche Stärken helfen euch von STARTUPS.CH durch die Krise?

    Aktuell kommt uns sicher zugute, dass wir als Legal- und FinTech-Unternehmen digital stark aufgestellt sind. Ich denke, es gelingt uns gut zu beweisen, dass digital auch sehr persönlich sein kann. Ausserdem zahlt es sich aus, dass wir unser Dienstleistungsangebot gezielt für die Zeit nach der Gründung erweitert haben. Dazu gehören beispielsweise Services wie Handelsregisteränderungen, Markenschutz, Umwandlung von Rechtsformen, Buchhaltung, Steuerthemen, praxisnahe Unternehmerschulungen bis hin zur Firmenliquidation. Dank dieser Diversifikation sind wir sowohl in Zeiten des Wirtschaftsbooms als auch in der Rezession gut aufgestellt.

     

    Werfen wir nochmals einen Blick auf die Gründerszene. Wie stufst du die Entwicklung in den nächsten Monaten ein?

    Die Ungewissheit über die Länge der Krise bereitet uns und unseren Kunden wie wohl allen Menschen Sorgen. Wir stellen jedoch fest, dass die Zeit genutzt wird, um Bestehendes zu hinterfragen und sich vermehrt strategischen und operativen Themen zu widmen. Diese Denkarbeit muss ja auch in Zeiten des Booms gemacht werden und lässt sich nicht dauerhaft aufschieben. Wir kennen Kunden, die sich praktisch neu erfunden haben. Massnahmen, welche vor drei Monaten noch undenkbar waren, sind heute bereits Realität. Plötzlich wird Unmögliches möglich. Alte Denkmuster werden abgelegt. Das Tempo ist enorm. Wir sind daher zuversichtlich, dass nach der aktuellen Orientierungsphase die Unsicherheit nach und nach dem Mut und der Entschlossenheit weichen wird. Dafür stellen wir erste positive Anzeichen fest. Im Sommer könnte daher durchaus eine Gründungswelle folgen. Dafür wollen wir bereit und präsent sein.

     

    Was können Unternehmen von Start-ups in dieser fordernden Zeit lernen? Hast du für unsere Leser ein paar konkrete Tipps?

    Erfolgsfaktoren wie Agilität, Veränderungsfähigkeit, kurze Entscheidungswege, hohe Umsetzungsgeschwindigkeit, Schöpfergeist, digitale Affinität, Kreativität und Mut sind heute für alle Unternehmen erfolgsentscheidend. Denn wenn wir ehrlich sind, kann jedes Unternehmen davon betroffen sein, dass es von heute auf morgen sein Geschäftsmodell wegen neuer Kundenbedürfnisse oder neuer Mitbewerber weiterentwickeln oder fundamental ändern muss. Erfolgreiche Unternehmer macht unter anderem aus, dass sie in Szenarien denken und geistig flexibel bleiben. Auch in Krisenzeiten. Und wir werden wohl nach der Covid-19-Krise wieder gefordert sein, den aktuellen Status zu hinterfragen und Anpassungen vorzunehmen. Zudem empfehlen wir Schlüsselpersonen festzulegen, die in ihrer Rolle abteilungsübergreifend Entscheidungen treffen können. Und interne Weiterbildungen sollten stets so praxisorientiert aufgebaut sein, dass die neuen Erkenntnisse umgehend im Unternehmen umgesetzt werden können.

     

    Zum Schluss: STARTUPS.CH ist selber kein Start-up mehr. Wie haltet ihr den Gründerspirit im Sinne von Corporate Entrepreneurship aufrecht?

    Das stimmt, wir sind aus dem Stadium des Start-ups schon lange herausgewachsen. Umso mehr ist für uns Corporate Entrepreneurship entscheidend. Unternehmertum und Gründerspirit bilden für uns nach wie vor die zentralen Prinzipien unserer Kultur. Wir fordern und fördern von jedem Mitarbeitenden unternehmerisches Denken und beziehen sie in die Entwicklung von Lösungen mit ein. In der Führung haben wir den Anspruch, dies tagtäglich vorzuleben. Wir überlegen uns beispielsweise monatlich und systematisch, wie wir unsere Angebote weiterentwickeln wollen. Unsere Hierarchie ist flach, Entscheide werden schnell getroffen und mit der nötigen Portion Mut umgesetzt. Diese Kultur, geprägt mit der Bekanntheit und klaren Positionierung unserer Marke, ist für uns sicherlich ein wichtiger Marktvorteil. Kontinuität und Veränderungen versuchen wir in einem vernünftigen Gleichgewicht zu halten. Und wir treiben täglich die Digitalisierung voran, ohne den Kunden aus dem Auge zu verlieren. Aktuell überlegen wir uns beispielsweise, vermehrt virtuelle Kurse anzubieten. Es stellt sich die Frage, wie viel persönliche Präsenz weiter gewünscht und sinnvoll ist. Entspricht die Virtualisierung von Kursen einem Kundenbedürfnis, böte uns dies gleichzeitig die Möglichkeit, Fixkosten zu reduzieren. Somit würden finanzielle Mittel für zukunftsrelevante Investitionen frei.

     

    Mattia, wir danken dir für die spannenden Einblicke in die Gründerszene und hinter die Kulissen von STARTUPS.CH und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

     

     

    Themen: Unternehmenskultur

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